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Erstes Kaltwasserkorallen Ökosystem
vor Mauretanien entdeckt

Von früheren Forschungsprojekten her hatte Professor André Freiwald, Leiter der Abteilung Meeresforschung (Senckenberg am Meer, Wilhelmshaven) bereits eine Vorstellung von den Ausmaßen der nach bisherigem Wissen ungewöhnlich weit südlich gelegenen Kaltwasserkorallenbank. Jetzt vermeldet der Senckenberg-Wissenschaftler von Bord des Forschungsschiffs Maria S. Merian, dass das erste Kaltwasserkorallenriff mit lebenden Tieren vor der Küste Mauretaniens entdeckt wurde. Inmitten der gewaltigen Felsformationen des unterseeischen Canyon-Gebiets stießen die Wissenschaftler außerdem auf die riesige Tiefseeauster Neopycnodonte, einem Methusalem unter den Meerestieren.

Oktokorallenkolonie mit großen Feilenmuscheln

Die Korallenmauer am Kontinentalhang vor Mauretanien misst 50 bis 60 Meter in der Höhe und ist 190 Kilometer lang. Als der schwedische Roboterpilot Tomas Lundälv vom Sven Lovén Center der Universität Göteborg am 29. Oktober den mit einer Kamera bestückten Tauchroboter in 615 Meter Tiefe am Meeresboden aufsetzte, befanden sich die Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs via Videoübertragung inmitten eines blühenden Korallenökosystems. André Freiwald berichtet von kräftig verkalkten Lophelia-Korallen mit orangeroten Polypen und von Gorgonienfächern, die neben den riffbildenden Steinkorallen imposante Oktokorallengärten in dem dunklen, sonst unzugänglichen Lebensraum bilden. An den Korallengalerien hängen dem begeisterten Expeditionsbericht zufolge auch große Feilenmuscheln. Ganz so, wie man sie sonst in norwegischen Riffsystemen findet.

Solche beeindruckenden Ökosysteme aus Kaltwasserkorallen kannte man bisher vor allem aus den deutlich nördlicher gelegenen Meeresregionen rund um Skandinavien und aus der Irischen See. Anders als ihre tropischen Verwandten, die Schnorchler und Sporttaucher im durchlichteten und auch deutlich wärmeren Flachwasserbereich finden, leben Kaltwasserkorallen bei kühlen 13 Grad in den dunklen und nährstoffreichen Tiefseeregionen unterhalb von 200 Metern. André Freiwald wusste von einem lockeren Kaltwasserkorallengürtel, der sich bis in südliche Regionen zieht. Bisher hatten Wissenschaftler jedoch lediglich fossile Korallenriffstrukturen am Meeresboden vor Gibraltar und Marokko gefunden.

Junge Lophelia Kolonie mit ausgestreckten Polypen

Während die mit einem dynamischen Positionierungssystem ausgestattete Maria S. Merian den Tauchroboter schrittweise begleitete, verfolgte das Korallenteam an Bord den Erkundungstauchgang, der etwa 60 Kilometer westlich von Kap Tamirist in absolutes Neuland führte. Meter für Meter hatte das Gerät sich nach einer von der Senckenberg-Wissenschaftlerin Dr. Lydia Beuck erarbeiteten Navigationskarte hangaufwärts gearbeitet, als die Korallengruppe bei etwa 500 Meter Wassertiefe in einer bizarren Felsformation weitere Lophelia-Kolonien entdeckten, die in der Verkalkung jedoch deutlich fragiler entwickelt sind. In seinem Bericht schreibt André Freiwald, dass an der Stelle gleichzeitig die Diversität an Schwämmen und großen Krebstieren deutlich zunahm. Hier trafen die Wissenschaftler unter anderem auf die mächtige Trägerkrabbe Paromola und entdeckten beim Durchtauchen der Felslandschaft auch die riesige Tiefseeauster Neopycnodonte, die so weit südlich zuvor ebenfalls noch nie gesehen wurde. Diese Riesenauster bildet dichte Bestände und kann als Methusalem unter den Tieren bezeichnet werden. Einige Individuen werden über 500 Jahre alt.

Für die Wissenschaftler an Bord der Maria S. Merian kam die Entdeckung des Ökosystems mit lebenden Kaltwasserkorallen überraschend. Einen Grund für das südliche Vorkommen der an kühle Temperaturen angepassten Blumentiere sieht André Freiwald in der vom Passatwind gesteuerten ozeanischen Auftriebszelle. Die ablandigen Winde drücken hier das Oberflächenwasser von der mauretanischen Steilküste weg auf den offenen Ozean und ermöglichen so das Nachströmen von kaltem und nährstoffreichen Wasser aus der Tiefe. Das führt offenbar nicht nur dazu, dass die mauretanischen Gewässer zu den fischreichsten überhaupt gehören, sondern versorgt die Kaltwasserkorallen vermutlich auch mit dem für sie passenden Futter. Nach Aussage des Korallenexperten ernähren die Meerestiere sich von den aus Planktonorganismen gelösten Nährstoffen.

Die 16. Forschungsreise mit der Maria S. Merian, bei der Professor Hildegard Westphal vom Bremer Leibniz Zentrum für Marine Tropenökologie die Fahrtleitung hat, endet am 20. November in Mindelo (Kap Verde). Bis dahin sollen noch weitere Teile des Korallensystems in den Canyons des unterseeischen Festlandsockels vor Mauretanien angesteuert und kartiert werden. Von den nächsten Tauchgängen dieser Expedition erwartet André Freiwald Aufschluss darüber, ob es sich bei dem jetzt entdeckten Ökosystem um eine einzelne Struktur handelt, oder ob in den südlichen Gewässern tatsächlich eine räumlich ausgedehnte lebendige Riffprovinz existiert.

Die von Dr. Claudia Wienberg (MARUM, Universität Bremen) und dem italienischen Korallenexperten Dr. Marco Taviani (CNR-ISMAR, Bologna) noch während der Fahrt dokumentierten und dauerhaft fixierten Proben werden dann in den heimischen Laboren weiter untersucht. (dve)

Bild 1: Eine Oktokorallenkolonie mit großen Feilenmuscheln wächst auf einer abgestorbenen Lophelia Korallenkolonie in 615 m Wassertiefe.
Bild 2: Junge Lophelia Kolonie mit ausgestreckten Polypen in 590 m Wassertiefe

Copyright: Tomas Lundälv, Sven Lovén Center, Universität Göteborg
Frankfurt, 12. November 2010

 

Kaltwasserkorallen

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